Autor: Robert Homberger
„Wooowww!“ schreit die Menge und reißt mich somit vollständig aus meiner morgendlichen Lähmung heraus. Ich befinde mich in Dee Why – an den Northern Beaches von Sydney – inmitten einer Traube von Menschen, die wie hypnotisiert durch den aufgehenden roten Feuerball aufs Meer hinausstarren. Morgendliches Gebet? Die Autos auf dem anliegenden Parkplatz stapeln sich schon übereinander und der ein oder andere wird wohl seinem Chef erklären müssen, wieso er heute zu spät in die Arbeit kommt. Der Grund für die morgendliche Versammlung ist der tropische Wirbelsturm Wati, der die australische Ostküste Ende März mit riesigen 10-15 Fuß Wellen versorgte. Und eben bombardiert er Dee Why Point mit Sets, vor denen mancher lieber wegpaddelt.
Tropical cyclone Wati rocks Sydney
Mein Surfbrett bleibt an diesem „Big Tuesday“ erst einmal im Auto, wie auch die Boards der Mehrheit der surfenden Gemeinde in Dee Why. Ein gutes Dutzend furchtloser Surfer und Bodyboarder versucht die vier bis fünf Meter Brecher zu meistern. Die meisten werden jedoch erschlagen und nach einem Vollwaschgang am 200 Meter entfernten Sandstrand wieder ausgespuckt. Performance-Surfing ist heute nicht wirklich möglich, da der Righthand-Pointbreak alles andere als perfekt läuft. Viele Sections machen unangekündigt zu und der Peak kann sich auch nicht richtig entscheiden, wo er die Wellen anbricht. Kurz gesagt: Ein wildes Durcheinander. Take-off und Down-The-Line-Surfing ist angesagt. Hut ab vor denen, die den Schritt ins Wasser wagen. Die Monsterwellen knallen an diesem Dienstagmorgen mit geringen Setpausen an die Felsen, wodurch selbst geübte Surfer beim Einstieg mehr auf ihr Glück als auf ihre Erfahrung zählen müssen. Während ich aus sicherer Entfernung das Schauspiel beobachte, versuchen ein junger Bodyboarder und ein waghalsiger Surfer ins Wasser zu gelangen, ohne sich die Knochen zu brechen und das Brett zu zerstören. Unterhaltung pur. Nach jedem Set laufen sie so schnell es die nassen Steine zulassen, auf die etwa 15 Meter entfernte Felskante zu, von der sie ins Wasser springen wollen. Meistens brechen sie auf der Mitte des Hinweges ab, da sich das nächste Set durch mächtige Wellenberge schon wieder ankündet. Hin und wieder können sie sich durch einen kniffligen Zick-Zack-Lauf über nasse Steine bis knapp vor den Absprung vorarbeiten – doch das Wasser um die Kante ist derart stark in Bewegung durch das vorherige Set, so das der Sprung ins Meer auf dem nächsten Felsen enden würde. Zudem kann man aufgrund des unruhigen Weißwassers kaum den richtigen Felsen ausmachen. Doch das Bodyboard-Kid will es – zur Freude aller Zuschauer – wissen. Ohne Gedanken an Morgen springt er breitbeinig mit seinem gelben Bodyboard ins Verderben unter dem „Gooo!“-Gejohle der Menge. Unangekündigt packt ihn die Strömung und drückt ihn kurz an den nächsten Haufen Steine, aus dem er sich nur mit Mühe befreien kann. Das Publikum ist gebannt. Manche verzerren ihre Gesichter, als ob ihnen ihr Zahnarzt eine Spritze verpassen würde. Den Kopf knapp über Wasser, schafft er es mit panischen Paddelzügen, die an einen ersaufenden Hund erinnern, sich einige Meter von der Felskante zu entfernen, um dann direkt von einer Hauswand Weißwasser an den 200 Meter entfernten Strand mitgenommen zu werden. In der Ferne erkannt man, wie er sich mühsam aus den Fluten auf den Strand rettet. Keiner der Schaulustigen weiß so recht welcher Gesichtsausdruck nun passend ist: Die beste Mischung ist irgendwo zwischen amüsiert – er hat sich ja nicht wirklich verletzt – und besorgt. Wir sind ja nicht schadenfroh. Die Jugend kennt halt keinen Schmerz. Der ältere Surfer wartet immer noch geduldig, bereit einige Fetzen Neopren an die Felsen zu opfern. Das Meer beruhigt sich für einige Minuten, der Surfer spurtet an die Kante, springt ins Wasser und gelangt ohne nähere Felsenbekanntschaft ins Line-Up.
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