Text: Robert Homberger
Es geht doch nichts geht über eine heiße Dusche. Ich drehe den Warmwasserhahn noch etwas stärker auf. Meine Füße prickeln als sie langsam wieder zum Leben erwecken. Ihr könntet meinen, es ist Winter und ich bin total verfroren vom Snowboarden. Doch da liegt ihr komplett falsch. Es ist Sommeranfang in Australien, zwei Tage vor Weihnachten, und ich befinde mich einige Stunden außerhalb von Sydney in einem Ferienhaus an der Ostküste.
Gestern war es noch knapp 30 Grad in Sydney und auf dem Heimweg von der Arbeit konnte ich bei jeder einzelnen Person die Schweißtropfen auf der Stirn strahlen sehen. Am selben Abend habe ich noch schnell alle Vorkehrungen getroffen, damit ich um 5 Uhr früh aus Sydney abhauen kann, um dem Weihnachtsverkehr zu entgehen. Boards gepackt, Klamotten schnell zusammengesucht, kurzes Grübeln ob ich mein 3/2 Wetsuit einpacken soll, dann die Entscheidung: „Pack ich ihn halt mal ein, ist ja genügend Platz, aber brauchen werde ich den Surfanzug wahrscheinlich eh nicht.“ Als ich um 5 Uhr früh aufstehe, schüttet es Gießkannen. Rein ins Auto und ab die Küste hoch.
Im gewohnten australischen Schneckentempo von 110 km/h komme ich nur langsam meinem Ziel näher. Auf der Hälfte des Weges, treffe ich meinen englischen Surfkollegen Mike an einer Autobahnraststätte, an der ein Rentner Tee und Kaffe umsonst ausschenkt. Das Schild „Stop, Revive, Survive“ deutet oft auf derartige Kaffeepausen hin. Wir setzen unsere Fahrt fort und kommen nach einigen kurzen Staus endlich an.
Die kleine Küstenkommune wirkt wie ein billiges Filmset: Supermarkt, Cafe, Bar und ein paar Ferienhäuschen. Wir fahren direkt an den Hauptstrand um den Surf zu checken. Ich öffne die Autotür und eine frische Windbrise bläst mir ins Gesicht. Der Surf schaut alles andere als einladend aus. Der Pointbreak ist total verblasen, einige Surfhungrige versuchen sich ein paar Wellen zu schnappen, aber diese haben kaum genügend Energie um den Surfern auch nur mehr als einen Turn zu erlauben – einen Bottomturn. Spannend, hey? Swell und Wind kommen aus dem Norden und machen somit den Point unsurfbar, der Swell und Wind aus einer anderen Richtung braucht. „There is another beach around the corner which faces the opposite direction and it could have some good waves“, meint mein englischer Kollege, der die Frustration auf meinem Gesicht sieht. Kurz das Gepäck im Ferienhaus abgeliefert und ab zum besagten Strand. Die Dirtroad wechselt sich mit asphaltierter Straße ab und nach kurzer Zeit kommen wir am Ende der Straße an. Einige Autos stehen am Parkplatz. Gutes Zeichen. Ich habe nämlich wenig Lust, nur mit ein paar Freunden hier ins Wasser zu springen. „Das will doch jeder“, denkt ihr bestimmt. Nicht unbedingt hier. Als wir den letzten Spot gecheckt haben, der relativ surfbar aussah, war mir nicht ganz wohl zumute. Keine Seele weit und breit. Der graue Himmel reflektierte auf das Wasser und ließ das Meer traurig erscheinen. Dort wo eine Linkswelle bricht, ragen mächtige Felsen aus dem Wasser, auf denen Möwen sitzen, die wie Geier auf ihre Beute warten. So hat es sich zumindest in meinem Kopf abgespielt. Wir entscheiden, hier nur reinzugehen, wenn der andere Strand wirklich unsurfbar ist. Als wir vom Parkplatz über die Düne laufen, kommt mir die Szene aus ‚Endless Summer’ in den Kopf, als Wingnut und Pat O’Connell in Südafrika über die Düne laufen und Cape St. Francis entdecken. Ist es nicht jedesmal ein grandioses Erlebnis, wenn man einen neuen Spot checkt. Leider hat dieser Platz wenig mit den perfekten Rechtswellen von Cape St. Francis gemeinsam. Sauber und relativ windgeschützt ist es, doch nur knapp kopfhohe Wellen brechen unregelmäßig über flache Sandbänke. „Lots of closeouts“, meint Mike. Wir haben trotzdem ein Lächeln im Gesicht, denn das ist das Beste was wir heute wohl finden werden. Als wir, gekleidet in Springsuit und Board unterm Arm, wieder an den Strand kommen, sehe ich einen Surfer eine schnelle, steile Linkswelle surfen. Wir entscheiden uns, ihm Gesellschaft zu leisten. „Wahhh, that’s fuckin’ freezing, “ schreit mein Kumpel Mike, als er kniehoch im Wasser steht. Ich denke er übertreibt, doch als mir die erste Welle um meine Beine spült, schleicht mir ein kalter Schauer die Wirbelsäule hoch, direkt ins Hirn. Ungelogen, das Wasser ist nicht wärmer als 19 Grad. Die gefühlte Temperatur kommt mir wie 16 Grad vor, aufgrund grauer, dicker Wolken und der kalten Windbrise.
Ums noch mal kurz zu verdeutlichen: Es ist Sommeranfang Down Under und wir sollten uns eigentlich in Boardshorts einen gescheiten Sonnenbrand holen. Weit gefehlt. Selbst an der sommerlichen Ostküste zwischen Sydney und Port Macquarie, die normalerweise konstant schönes Wetter hat, kann ein Wetterwechsel die Außentemperaturen auf 20 Grad fallen lassen und die Wassertemperatur auf winterliches Niveau stellen. Wenn die Nordostwinde für längere Zeit blasen, sinkt die Wassertemperatur mehrere Grad. Wenn ihr im Sommer in Sydney und Umgebung surft, habt am besten immer einen Springsuit als Alternative zu euren Boardshorts dabei. Ich hätte am liebsten meinen Wetsuit an, als mir grad mein Hirn und meine Hände nach einigen Duckdives erfrieren. Der einsetzende Regen lässt harte Tropfen auf halbgefrorenes Hirn fallen. Super Gefühl. Ich komme mir vor wie in einer Herbstsession in Portugal. Selbst die Wellen, die durch die einsetzende Flut zum Laufen beginnen, können unser Erlebnis nicht versüßen. Eine Stunde später sitzen wir im Auto und drehen die Heizung auf volle Stärke.
Willkommen im australischen Sommer. Solche Tage sind zum Sommeranfang an diesem Teil der Küste aber eher selten. Während ich die letzten Zeilen dieser Geschichte am nächsten Tag schreibe, sitze ich auf der Dachterrasse unseres Ferienhauses während mir die Sonne auf den Rücken brennt. Vielleicht hatten wir doch etwas Einfluss auf das Wetter, als wir den Song „Here comes the sun“ von den Beatles als letzten Song am Abend davor spielten.
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